Heute ist mir etwas Großes passiert. Eigentlich ist es mir letzte Woche passiert, nur hat es heute seine Bestätigung gefunden und ich bin grade sehr zufrieden und muss daher sofort schreiben - irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich mich an den heutigen Tag zurückerinnern möchte. Aber ich fange mal etwas früher an.
Irgendwann letzte Woche hatte ich eine kleine Kriese. Mir war aufgefallen, dass das ganze Schwatzen über die Machenschaften der Wirtschaft/Industrie, der Politik, des Militärs, der Gesellschaft, der Religionen und Kirchen recht ohne wahre Frucht und tiefere Erkenntnis an der Oberfläche des Problems bleiben. Wirtschaftswachstum, Geldwirtschaft, Wohlstand und Armut - es muss doch einen Grund geben, warum die Verteilung nicht funktioniert.
Warum Geld Geld machen kann, trotzdem die Verschuldung der Masse steigt, Wenige Vieles behalten dürfen und Viele nur Weniges bekommen. Obwohl jeder doch 24 Stunden am Tag lebt und nur X-Handschläge tun oder X-Gedanken denken kann, zur Arbeit, zum Arzt, zum Supermarkt und zur Bank muss.
Böse kommunistische Gelüste überkamen mich, gepaart mit der fixen Idee, daß es doch irgenwann mal besser gewesen sein muss. Ich lief Gefahr mich in einen rot-schwarzen Umwelt-Anarchisten mit romantischen Ansichten zu verwandeln!
Und so hangelte ich mich in Gedankenketten durch die oben beschriebenen Mechanismen. Ich machte diesesmal nicht an dem Punkt halt, an dem ich schon so oft erkennen musste, daß ich zwar als prophetisch spreche, mich aber als erster nicht an meine Worte halte. Dieser Punkt ist nunmal das liebe Geld, um daß heute niemand rum kommt.
Ich ging der Frage nach, ob alles käuflich ist. Auto - ja. Urlaub - ja. Erlebnisse - zuweilen. Speichellecker - ja. Sex - ja. Gesundheit - zuweilen. Unabhängigkeit - aber sicher. Rohstoffe - ja. Nahrung - öhm. Moment.
Das war der interessanteste Punkt. Nahrung. Sie ist die Grundlage unseres individuellen Lebens und ein Stein jeder Volkswirtschaft. In der Diskussion um gesellschaftliche Probleme vernachlässigt, weil in eine funktionierende Nahrungsmittelindustrie gepresst, können jederzeit kleinere Probleme in der Versorgung abgefedert werden. Monokulturen von z.B. Getreide werden dezent überspritzt und -düngt, eine horrende Ernte eingefahren, alles in sterielen Vakuumsilos kaum bestrahlt einlagert und über die nächsten vielleicht Jahre abverkauft, eventuell sogar auf eine Mißernte spekuliert.
Also: Gute Ernte - Gute Vorräte - Nahrungsproblem für viele erledigt. Und damit freie Arbeitszeit.
Was nun? Z.B. günstig Rohstoffe einkaufen und eine Industrie hochziehen, Bedürfnisse erfüllen, wecken und neu erfinden. Und in diesen Strom die Hand halten und abschöpfen - mit der selben Strategie. Arbeit ist in dem Zusammenhang auch nur ein Rohstoff, den man mit dem Rohstoff Geld bezahlt. Menschen mögen keine Unsicherheiten, so wie die Problematik einer Mißernte, und lieben Sicherheiten, so wie einen festen Job, mit dem man konstant aus den vollen Silos kaufen kann.
So kann man jeden um seinen (r)echten Lohn bringen, denn “willst Du einen sicheren Job, dann lass’ mich die Bücher machen!” und schliesslich “trage ich das unternehmerische Risiko!”. Zwischen Menschen führt sowas manchmal zu Neid, Mißgunst und zuweilen zu Kriminalität, zwischen Staaten führt das in letzter Konsequenz seit Jahrtausenden zu Krieg.
Und warum das alles? Weil der Mensch Vorräte anlegt.
Erst von Nahrung, dann von Rohstoffen, dann von Waren, dann von Luxus. Und das alles basiert auf einer Überproduktion von billigen Lebensmitteln. Diese Lebensmittel, die es uns so schön möglich machen, jeden Tag 500 gr. Fleisch zu Spottpreisen zu kaufen um unsere Arbeitskraft dann günstig zu verschleudern, damit wir uns vom Rest Unnützes kaufen können. Getrieben von der Angst vor Jobverlust, Abreitsunfähigkeit, Gesundheitsproblemen und Rentenloch, denen zuspielend, deren Konten alles aufnehmen können, was die Masse übrig lässt.
Jo, soweit, so gut. Die neue Komponente, die ich als Teil des Probelms ausgemacht habe, ist also die Vorratshaltung.
Und so lese ich heute auf dem Weg nach Hause die Ausgabe der Geo 05/Mai 2006, Seite 92 “Visionen für eine weise Welt” von Hanne Tügel (sollte man selber lesen, denn der Artikel ist im Ganzen sehr interessant). Höher geschlagen hat mein Herz an einer recht kurzen Stelle, Seite 106/108:
(…) Deshalb führt der Befund des renommierten amerikanischen Evolutionsbiologen Jared Diamond vielleicht weiter als der Verweis auf Gorillas. Diamond empfindet ausgerechnet jenen epochalen Umbruch als Kern der Krise, den wir sonst als Beginn der Zivilisation feiern: den Abschied von der Jäger-Sammler-Kultur. Er nennt die Landwirtschaft den “schwersten Fehler der Menschheit”.
“Gezwungen zur Wahl, die Bevölkerung auf niedrigem Stand zu halten oder die Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen, haben wir Letztere gewählt. Ergebnis: Hunger, Krieg und Tyrannei”, so der Professor aus Los Angeles.
Ein Satz wie ein K.-o.-Schlag. Dabei geht es dem Amerikaner nicht darum, die Moderne zu verdammen. Er erninnert nur daran, dass vor der Epoche von Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit nicht nur Pyramiden, blühende Städte und Universitäten fehlten. Undenkbar waren auch solche neuen Errungenschaften wie ständige Armeen.
Erst die Fähigkeit, Überschüsse und Vorräte zu produzieren, hat hohe Bevölkerungsdichte, Arbeitsteilung, stärkere Hierarchien erlaubt. Zum Beispiel “Priester, die Eroberungskriege religiös legitimieren”. Oder “Handwerker wie Schmiede, die Schwerter und Kanonen oder andere militärische Technologien erfinden”.
Ich freue mich, dass ich auch bevor ich von Jared Diamond gehört habe auf diese Idee gekommen bin. Wäre natürlich eindrucksvoller gewesen, wenn ich letzte Woche vor Erscheinen der Geo gebloggt hätte, aber ich bin auch so zufrieden. Die Vorratshaltung ist (aktuell für mich) der Kern des Übels geworden und ich denke, Mr. Diamond wird in Kürze ein Buch an mich verkaufen können.