Wie oft habe ich in dem Zug gesessen? 50 mal? 100 mal? 150 mal? Letzeres könnte stimmen. Jeden zweiten Freitag. Zwischen sechs und null Uhr.
Und wirklich jedes einzige mal bin ich mit dem Spruch “Da bin ich wieder, Deutschlands übelstgelauntester Reisender!” ausgestiegen.
Und, meine Herren, wie das zutraf! Eine Laune hatte ich zuweilen, Mitreisende hatten teilweise Angst um lebenswichtige Organe, so eine Aura war ich in der Lage entstehen zu lassen, einfach nur durch meine Präsenz! Üble Sache.
Schlecht habe ich mich dabei beileibe nicht gefühlt, ganz im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, es müsse so sein und die Welt habe es keinen Deut besser verdient. Wäre ich in der Lage gewesen, durch Blicke Bahnabteile wie mit einem Schneidbrenner zu durchteilen, wer weiss, ich hätte es vielleicht gemacht. Eigentlich hätte ich es sicher gemacht.
Nun, die Tage war ich per Luftfahrt unterwegs, da hat man viel Zeit zum Denken und so entglitten meine Gedanken in die Zeit, als ich es noch gewohnt war lang und weit zu reisen und mir einredete, es sei gut so. Und da dachte ich an all die Mitreisenden, die ich damals nur durch böse Blicke zu Asche zu machen versuchte.
Und ich habe festgestellt, dass ich nicht übel gelaunt war, weil die Mitreisenden es verdient oder dazu Anlass gegeben hätten. Es gibt halt unterschiedliche Menschen und die einen reisen gern, essend oder redend, andere reisen ungern, sich beschwerened oder durch den Zug laufend. Manche müssen reisen, schlafend, und andere wollen reisen, Karten spielend.
Nein, ich war übel gelaunt, weil es mir einfach Scheisse ging. Weil ich da in einer Kiste steckte, die mich so dermassen meiner Interessen, Wünsche, Hoffnungen, Meinungen und Hobbies beraubte, dass ich alle und jede, die aussenstanden und nun wirklich garnichts dafür konnten, mit einem dreifachen Fluch belegte. Warum auch immer, in der Psychologie gibt es dafür bestimmt eine Erklärung.
So richtig ist mir das gestern auf dem Rückflug hochgekommen, weil dort so eine arme Seele vom Typ “übellauniger Juppie auf Reise” neben mir sass. Es fällt mir auf, dass ich damals einfach schrecklich gewesen sein muss. Mein Gott, was bin ich froh, dass das alles vorbei ist und ich die Menschen jetzt leben lassen kann.